Cybernetic Imagination in Science Fiction pt.1

Angefixt durch einen Beitrag zephs auf seinem weblog und meinem eigenen Interesse für das Thema cyberpunk, habe ich vor ein paar Tagen kurzerhand das Buch Cybernetic Imagination in Science Fiction1 käuflich erworben.

Warrick hat dafür 255 Kurzgeschichten und Romane analysiert, die zwischen 1930 und 1977 verfasst wurden.

Dabei wurde eine große Diskrepanz zwischen der fiktionalen und der realen Welt offenbar, da das Gros der SF-Literatur Dystopien sind, während das Feld der Computerwissenschaft hingegen nicht solch negative Einstellungen hegt.

Zeph hat das Buch selber nicht ganz gelesen hat – anscheinend weil er seinerzeit einen erkenntnistheoretischen Trugschluss vermutet hatte, der sich auf Seite 92 offenbart: “Cybernetics is the effort to understand the behavior of complex systems. Imaginative literature exploring this subject might be fruitfully approached using systems theory.” Vielleicht kann ja zeph selber dazu Stellung nehmen, wenn er Zeit und Lust hat.

Ich hoffe, zeph verstanden zu haben. Kybernetik ist nicht per se das Bestreben, komplexe Systeme zu verstehen. Zudem muss die Systemtheorie nicht der epistemische Schlüssel sein, um imaginative literature zu verstehen, beziehungsweise verständlich zu machen.

Hinsichtlich der Kybernetik-Definition gefällt mir ein Zugang des deutsch-tschechischen Kybernetik-Vertreters auf politikwissenschaftlicher Ebene, Karl W. Deutsch:

„Sie (die Kybernetik, anm. d.Verf.) versucht aufzuklären, was Kommunikation und Steuerung eigentlich bedeuten, indem sie die Hilfsmittel der modernen Technik dazu benutzt, um die Reihenfolge der bei diesen Vorgängen auftretenden Erscheinungen planmäßig und Schritt für Schritt zu erfassen und nachzuvollziehen. Kybernetik ist die systematische wissenschaftliche Beschäftigung mit Kommunikations- und Steuerungsvorgängen in Organisationen aller Art.“2

Dass es dabei um komplexe Systeme gehen muss (rekurrierend auf o.g. Zitat Warricks), steht nirgends geschrieben. Ein Thermostat ist kein wirklich komplexes System, gleichwohl das Paradebeispiel einer kybernetischen Einheit.

So erscheint mir die Definition zu kurz gefasst, auch wenn der kybernetische Ansatz in Verbindung mit Literatur durchaus angebracht erscheint.

So schreibt Norbert Wiener, der Begründer des Wortes cybernetic in einer schriftlichen Mitteilung am MIT im Jahre 1955:

„Kommunikation ist der Kitt, der Organisationen zusammenhält. Kommunikation allein befähigt eine Gruppe, zusammen zu denken, zusammen zu sehen und zusammen zu handeln.

(…)

Die verschiedenen Elemente, aus denen die Persönlichkeit sich jeweils zusammensetzt, stehen untereinander in ständiger Kommunikation und beeinflussen sich gegenseitig durch Steuerungsmechanismen, die ihrerseits wieder eine Art von Kommunikation darstellen.“3

Kommunikation entsteht durch das Übermitteln von Nachrichten – zusammengesetzt aus einer bestimmten Datenmenge. Wir laden die Datenmenge hoch, berechnen sie, setzen sie in Bezug zu unseren bisherigen Informationen, bauen sie ein oder verwerfen sie. Es entsteht eine Rückkoppelung.

Kann ein selbstregulierendes Netzwerk der Kommunikation entstehen? Also ein lernendes Netz? Eine sich selbst regulierende Organisation?

Dieser Ansatz erinnert mich im Übrigen sehr stark an Clay Shirky und seine mediale Theorie, zu der ich in den nächsten Wochen ausführlicher etwas zu schreiben gedenke.

Warrick rekurriert auf die Systemtheorie, da aufgrund der tiefgehenden literarischen Analyse offenbar wurde, dass die Entwicklung der Roboter in der SF und der Computer in realiter verschiedene Wege gehen.

Und um die Literatur zu kategorisieren, bietet sich die Differenzierung in isolierte, geschlossene und offene Systeme an.
Das Buch Warricks offenbart zunächst kein neues Paradigma rund um das Thema Science Fiction (sofern ich das nach Intro [XIII-XVII] und Kapitel 1 [S.1-16] sagen kann), dennoch sollte das Buch zu einer näheren Betrachtung herangezogen werden.

Was sind die Ziele Warricks?

  1. Es soll ein Narrativ des SF-Subgenres rund um künstliche und maschinelle Intelligenz (Roboter und Computer) geschrieben werden.
    Hierbei ist ihre erste thematische Einschränkung zu vermerken. Es geht Warrick ausschließlich um Literatur, in der Roboter und Computer in Verbindung mit dem Menschen eine Rolle spielen. Androiden und Cyborgs werden nicht berücksichtigt4.

Ihrer Definition nach ist ein Computer “an automatic electronic machine for performing calculations and for storing and processing information”5.

Ein Roboter ist

“a mobile machine system made of nonbiological materials such as metal, plastic and electronic devices. The robot may be self-controlled (have its computer within), remotely controlled (have its computer somewhere else), or an intermediate machine, with the robot being partly self-activated and partly remotely controlled”.6

Nicht erfasst werden Androiden (definiert als menschenähnliche, durch diesen erschaffene Wesen, aus biologischem Material bestehend) und Cyborgs (kybernetische Mechanik und biologische Organismen in Verbindung). Terminator fällt eiskalt raus…

Was passieren kann, wenn Roboter self-controlled agieren und welche ethischen Fragen sich ergeben können, hat Karel Čapek in R.U.R. meisterhaft aufgezeigt!

Weiter möchte Warrick:

  1. Aufdecken und Beschreiben wiederkehrender Bilder, Muster und Bedeutungen in der kybernetischen Fiktion7. Des Weiteren will sie -und dies ist durchaus hochinteressant- die gegenseitige Befruchtung zwischen dem Subgenre, dem SF-Genre, der Wissenschaft und der technischen Innovation eruieren.
  1. welches literarische Verdienst ist der cybernetic fiction zuzuschreiben? Hat die SF-Literatur nach eineinhalb Jahrhunderten einen gleichwertigen Stand zur realistischen Fiktion innerhalb der literarischen Tradition errungen?

Ein sich wie ein roter Faden durchziehendes Element in der Literatur ist die Vorstellung des Menschen als Inkarnation des Prometheus, dem Erschaffer eine neuen Art Intelligenz – in der SF-Literatur durch Technologie.

Diese zunächst positiv konnotierte Metapher (mit der Prämisse, das Erschaffen von Intelligenz mit Technologie sei positiver Natur, also eine Utopie) wird sukzessive durch ein negatives Bild ersetzt, indem die humanoiden Wesen den Menschen bedrohen.8

Letztere Versionen stammen durch die Extrapolation und oeuvres geschlossener Systeme.

Offene System-basierte Versionen hingegen eröffnen eine Möglichkeit der Mensch-Maschinen-Symbiose. Ein Aufbruch in neue Welten.

1WARRICK, Patricia S., Cambridge Mass., MIT Press, 1980.

2DEUTSCH, Karl W., Politische Kybernetik. Modelle und Perspektiven, Freiburg, Rombach+Co, S. 126.

3DEUTSCH, Karl W., Politische Kybernetik. Modelle und Perspektiven, Freiburg, Rombach+Co, S. 127.

4WARRICK, Patricia S., XVI.

5Ebda.

6Ebda.

7den Terminus kybernetische Fiktion, möchte Warrick weiter für diese Literaturart verwenden.

8 ROLOFF/SEEßLEN, Kino des Utopischen. Geschichte und Mythologie des Science-fiction-Films, Reinbeck, rororo, S.59 ff.

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