The reality cop – Robert Harris: Angst

»Inspektor Leclerc?«

»Madame Hoffmann.« Leclerc gab ihr höflich die Hand.

Ihr fiel auf, dass er noch dieselben Sachen trug wie um vier Uhr morgens: eine dunkle Windjacke, ein weißes, am Kragen inzwischen unübersehbar graues Hemd und eine schwarze Krawatte, deren schmales Ende wie bei ihrem Vater unter dem breiten hervorschaute. Die Stoppeln seiner unrasierten Wangen sahen aus wie eine Flechte, die bis zu den dunklen Tränensäcken hinaufreichte. Er wirkte in dieser Umgebung völlig deplatziert. Eine der Kellnerinnen näherte sich ihm mit einem Tablett Champagner. Gabrielle rechnete damit, dass er ablehnen würde. Taten das nicht alle Polizisten im Dienst, jeden Tropfen Alkohol ablehnen? Aber Leclercs Gesicht hellte sich auf, und er sagte: »Hervorragend, danke.« Als hätte er Angst, er könnte es zerbrechen, fasste er das Glas vorsichtig am Stiel an. Er nahm einen kleinen Schluck und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Sehr gut, der kostet bestimmt achtzig Franken die Flasche, oder?«

»Keine Ahnung, um die Getränke hat sich das Büro meines Mannes gekümmert.«

Der Fotograf von der Tribune kam herüber und machte ein Foto von ihnen beiden. Leclercs Windjacke roch muffig, uralt und feucht. Leclerc wartete, bis der Fotograf wieder gegangen war, dann sagte er: »Die Kriminaltechniker haben von Ihrem Handy und den Küchenmessern ein paar ausgezeichnete Fingerabdrücke sichergestellt. Leider haben sich keine Übereinstimmungen mit Personen aus unserem Archiv ergeben. Zumindest in der Schweiz hat der Einbrecher kein Strafregister. Tja, ein Phantom. Wir haben Interpol eingeschaltet.« Er nahm sich ein Kanapee von einem vorbeischwebenden Tablett und schob es sich ganz in den Mund. »Wo ist Ihr Mann? Ich sehe ihn nirgends. Ist er nicht da?«

HARRIS, Robert (2011): Angst (eng.: The Fear-Index), Heyne Verlag, München.

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