Wie das so ist im Forschungsprozess, stößt man sukzessive auf neue Dinge, gelegentlich durch Zufall. So auch hier. An dieser Stelle möchte ich ersteinmal der Crew der Comic Company danken! Aufgrund der Signier- und Plauder”stunde” des Zeichners und Erschaffers von Steam Noir, Felix Mertikat, in besagtem Laden, schaute ich kurz vorbei, um Hallo zu sagen (lernte Felix im Juni kennen). Da ich ja ein redefreudiger junger Mann bin, kam ich mit der Crew ins Gespräch und fragte nach cyberpunkish-comics. Dabei wurde nebenbei auch die Serie Caprica erwähnt. Sie ist das Prequel der Serie Battlestar Galactica und spielt 58 Jahre vor dem Handlungsstrang letztgenannter. Leider wurde nur eine Staffel mit 19 Folgen produziert und aufgrund geringer Einschaltquouten abgesetzt.
Dennoch: Sie enthält sehr spannende topics für einen cyberpunk-aficionado und sollte eigentlich nicht fehlen. Ich beziehe mich im weiteren Verlauf auf den Pilotfilm der Serie. Die Serie selbst habe ich noch nicht anschauen und analysieren können.
Wie schon geschrieben, spielt der Pilotfilm 58 Jahre vor Battlestar Galactica. Es gibt offensichtlich verschiedene Welten, die zu bereisen sind. Inwiefern gewisse Restriktionen vorhanden sind, wurde bis dato nicht offengelegt. Deutlich wurden jedoch sowohl rassische als auch religiöse Friktionen. Bei ersteren insbesondere zwischen den Bewohnern der Welt Caprica und der Welt Tauron, aus der Wiliam Adams (tauronisch Adame) stammt. Adame weist auf einen zurückliegenden Bürgerkrieg auf Tauron hin, der ihn, seine Familie und große Teile des Volkes der Tauroner wohl dazu zwang, auszuwandern. Bewohner Taurons werden u.A. als stinkende Wesen bezeichnet, später äußert sich auch Verteidigungsminister Val Chambers abfällig, womit deutlich wird, dass Tauroner toleriert, aber weniger akzeptiert werden.
Capricas staatliche Institutionen scheinen grundsätzlich offen für religiöse Vielfalt, sofern sie nicht extremistischer Natur sind. Die Gegenbewegung der Soldiers of the One – eine monotheistische Religion – wird offenbar als gefährlich eingestuft, weil sie dogmatisch argumentiert. Ein Freund Zoe Graystones – der Tochter des Unternehmers Dr. Graystone – gehört dieser Gruppierung an und verübt in ihrem Namen zuanfang des Filmes ein Selbstmordattentat, bei dem Zoe, aber auch Tochter und Frau des Wiliam Adame umkommen. So verbinden sich zwei bisher getrennte Lebenswelten: Die des Wiliam Adame und des Dr. Graystone.
Beide Akteure kleiden sich sehr gut, tragen Anzug und Krawatte. Adame besticht des weiteren durch eine schicke Hutkollektion. Dies erinnert stark an verschiedene Cyberpunk-Filme. Zudem werden sie durch die erlebten Verluste zu getriebenen Seelen, die trauern, mit der Pein zu leben versuchen. Sehnsüchte zerfressen sie. Ihr erstes Treffen ist gekennzeichnet durch das Rauchen von Zigaretten und der gemeinsamen Erzählung und Verarbeitung der Verluste. Ein klassisches film-noir-Motiv. Ihre Sehnsüchte führen sie zusammen, im Laufe des Filmes jedoch wir deutlich, wie sie sich aufgrund ihrer inneren Überzeugungen entfernen. Gut und Böse, verschiedene Wertesysteme treffen aufeinander. Religion versus Wissenschaft, Mensch versus Maschine, Mensch versus Technokolonisierung (Knorr 2011) des Menschen. Diese Dialektik spiegelt sich auch in der Behausung beider wieder. Adames Wohnung ist recht “normal” eingerichtet, während Dr. Graystones (nicht zuletzt wegen der finanziellen Mittel) Behausung hochtechnologisiert ist und einen Roboter Namens Serge als Hausdiener hat.
Zahlreiche Sujets des Cyberpunk finden sich somit wieder. Auch die urbane Landschaft ist nicht geprägt durch starke science-fiction-Verfremdung. Vielmehr sind es gegenwartsähnliche Räume, leicht architektonisch verändert, dennoch für uns sehr bekannt.
Zoe Graystone, die bei besagtem Anschlag stirbt, kann durch das von ihrem Vater entwickelten Holoband (eine brillenähnliche Konstruktion) in eine virtuelle Welt eintauchen. Die Jugendlichen Caprica Citys haben über das Holoband eine eigene virtuelle Welt erschaffen, Nachtclubs, die ihren innersten Neigungen zu entsprechen scheinen. Sex, Gewalt, elektronische Musik werden bereits zuanfang des Films dargestellt. Für alle möglichen Vorstellungen gibt es eigene Räume oder Zonen. Die jugendliche Masse vergnügt sich und gibt sich den bizarrsten Schauspielen hin, sei es Gruppensex, Tanzen, Kill-Zonen, Fight-Rooms und nicht zuletzt auch einer Zone speziell zur Opferung virtueller Hologramme – für die Göttin Hekate – wem sonst, als der Wächterin der Tore zwischen den Welten! Überhaupt ist sowohl Caprica, aber auch Battlestar Galactica durchsetzt mit griechischer Mythologie
Wichtig zu erwähnen ist, dass die virtuellen Wesen dem Abbild des einzelnen Holoband-Benutzers entsprechen. Jeder hat also sein Avatar, gespeist mit eigenen Informationen, sodass sich realer Mensch und virtuelles Wesen äußerlich, aber auch hinsichtlich Verhalten und Kognition stark ähneln, nahezu bis zur perfekten Kopie – nahezu.
Dr. Graystones Firma ist es bisher nicht gelungen, einen Prozessor zu kreieren, der ein funktionsfähiges, unabhängiges künstliches Gehirn ermöglicht, um es letztlich einer kybernetischen Lebensform einzubauen. Und wer sollte es auch sonst sein, als seine Tochter, die nicht nur das Holoband benutzt, sondern auch damit experimentiert, sich kritisch mit der virtuellen Welt auseinandersetzt, ja dem monotheistischen Ordnen beitritt, um die virtuelle Welt zu zerstören, den Menschen auf die ihrer Meinung nach richtige Richtung zu führen. Dr. Graystones Idee hat sie bereits entwickelt, bzw. ein Skript geschrieben, das eine weitreichendere Nutzung ermöglicht, als bisher bekannt. Sie hat synaptische Aufzeichnungen in verwertbare Daten konvertiert. Und auch hier: Das Informationszeitalter dominiert weiter! Es geht noch immer um Informationen und deren Verarbeitung. Sie führen zu Asymmetrie, zu Macht.
Die cyberpunk-typischen Topoi tauchen auf: Was ist real? Was ist menschlich? Bis zu welchem Punkt soll es dem Menschen erlaubt werden, sich durch technologische Errungenschaften helfen zu lassen? Wo beginnt die Entmenschlichung? Bei einer Brille, künstlichen Extremitäten, Organhilfe? Der Film ist mit diesen Fragen durchsetzt.
Action und Spektakel finden hier keine Verwendung und das braucht es auch nicht. Die Spannung entsteht durch die Macht der Verführung. Der Verführung durch eine virtuelle Welt, vom Menschen konstruiert, nach seinen Wünschen und Vorstellungen, durch Sehnsüchte, durch kulturelle Sozialisation, durch deren Wertesysteme, durch dem Drang der Wissenschaft, durch wirtschaftliche Gier.
Die wirtschaftliche Gier scheint Dr. Graystone besonders zu beflügeln, denn die Konkurrenzfirma (natürlich auf der Welt Tauron beheimatet), scheint den Code geknackt zu haben, um den bereits genannten Meta-Kognitiven-Prozessor zu erstellen.Diesen braucht Dr. Graystone händeringend, um seine Kampfroboter zu perfektionieren – dem Prototypen der Zylonen.
Daraufhin überredet er Adame, sich auf einen deal mit ihm einzulassen: Adame muss den Prozessor klauen, Graystone erschafft ihm dafür seine Tochter (was mit seiner Frau passiert wird nicht deutlich), zunächst als Avatar, später als kybernetisches Wesen. Dr. Graystone will die Robotertechnik verfeinern, menschenähnliche Epidermis konstruieren, um so einer perfekten Kopie des menschlichen Wesen nahezukommen. Adame seinerseits lässt sich auf ein Geschäft mit einem Mitglied der Ha`la`tha ein, einer tauronischen mafiaähnlichen Gruppierung. Er soll dem Verteidigungsminister Val Chambers deutlich machen, dass dieser mit der Ha`la`tha koopierieren soll. Als Gegenleistung fordert Adame den MKP. Adame wird im Laufe des Filmes bewusst, dass Dr. Graystones Vorhaben seinen eigenen Vorstellungen entgegenläuft, distanziert sich von ihm.
Dr. Graystone gelingt es, den MKP in einen Roboter einzubauen und speist Zoes Daten ein, sodass ihr “Geist” weiterlebt – in einem Roboter.
Battlestar Galactica selbst ist wohl zu weit vom Topos Cyberpunk, Caprica hingegen ist es nicht, wie mir erscheint. Viele spricht dafür.



